{"id":253,"date":"2010-10-16T19:09:49","date_gmt":"2010-10-16T17:09:49","guid":{"rendered":"http:\/\/autor-gerike.de\/?page_id=253"},"modified":"2010-10-16T19:11:05","modified_gmt":"2010-10-16T17:11:05","slug":"der-weihnachtsmann","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/autor-gerike.de\/?page_id=253","title":{"rendered":"Der Weihnachtsmann"},"content":{"rendered":"<p>Aber auch gut erzogene und ordentliche kleine Menschen werden gr\u00f6\u00dfer und kritischer und zweifeln oft sogar an Dingen, die sie eigentlich aus Gehorsam und H\u00f6flichkeit nicht anzweifeln sollten.<br \/>\nEin typischer Fall daf\u00fcr war die Sache mit dem Weihnachtsmann, der \u00fcberall immer mit rotem Mantel, roten Stiefeln, wei\u00dfem Bart und sehr dick und beh\u00e4big dargestellt wurde. Auf den freute ich mich eigentlich immer, wenn es \u2013 wie jedes Jahr \u2013 kr\u00e4ftig \u201eweihnachtete\u201c. Nur eins war sehr schade: Zu uns kam dieser nette Weihnachtsmann nie.<br \/>\nUnserer war zwar auch ganz nett, aber er erz\u00e4hlte immer die gleichen Lebensweisheiten wie Papa und hatte immer einen schwarzen Eisenbahnermantel an. Im Gesicht hatte er einen zotteligen, grauen Bart, eine rote S\u00e4ufernase, trug schwarze Stiefel und dazu noch eine gef\u00e4hrlich aussehende gro\u00dfe Rute an einer W\u00e4scheleine, die er anstelle eines G\u00fcrtels um den Bauch gebunden hatte.<br \/>\nWas ihn mir aber besonders unheimlich und verd\u00e4chtig machte, war die Tatsache, dass er statt eines Bauches einen Buckel hatte. Er musste wohl oder \u00fcbel aus dem Harz stammen, denn figurm\u00e4\u00dfig \u00e4hnelte er mehr einer Brockenhexe als einem Weihnachtsmann.<br \/>\nSein Gesicht wirkte auch irgendwie tot und w\u00e4chsern und an den H\u00e4nden trug er dunkelbraune Plastiklederhandschuhe. Alles wirkte irgendwie unecht und nahezu teuflisch. Ich h\u00e4tte ihn gern mal gefragt, ob er auch einen Pferdefu\u00df hatte. Aber dazu hatte ich nicht den Mut.<br \/>\nAuch die Tatsache, dass er stets Papas Taschenkalender z\u00fcckte, wenn ich mein Weihnachtsgedicht aufgesagt hatte und mir dann alle meine S\u00fcnden des ganzen Jahres vorlas, stimmte mich schon sehr nachdenklich.<br \/>\nEinmal wollte ich ihn schon fragen, ob er meinen Vater erschlagen und ihm den sch\u00f6nen Taschenkalender geklaut h\u00e4tte. Aber angesichts der drohend gez\u00fcckten Rute (schwere Erinnerung an Omas aktiven Kr\u00fcckstock!) verging mir die Lust dazu. Es lief mir vor Angst eiskalt den R\u00fccken herunter und ich begann zu stottern, was alle Anwesenden, besonders den schwarzen Weihnachtsmann, mit grimmiger Genugtuung erf\u00fcllte. Denn wenn jemand stottert, hat er ein schlechtes Ge-wissen und Angst, meinten die Erwachsenen.<br \/>\nUnd obwohl das Kind sofort Reue zeigte und gelobte, sich zu bessern, nahm der Weihnachtsmann erst einmal eine erziehe-risch sehr wertvolle Aufgabe wahr.<br \/>\nF\u00fcr die Erwachsenen war es anscheinend immer sehr lustig, wenn ich mit der Rute ein paar Schl\u00e4ge f\u00fcr irgendwelche Schandtaten einstecken musste, die schon fast ein Jahr zur\u00fccklagen. Aber wie Vater immer sagte: \u201eGut Ding&#8216; will Weile haben\u201c.<br \/>\nSo \u00fcberlie\u00df er es lieber dem schwarzen Bestrafungsweihnachtsmann, mich wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen, statt mich selbst zu erziehen. So ein paar Rutenschl\u00e4ge fand er wohl ganz in Ordnung, denn \u201eein paar Klapse auf den Hintern hatten noch niemandem geschadet\u201c. Dass die mir aber absolut keinen Spa\u00df machten, war den Erwachsenen anscheinend v\u00f6llig egal.<br \/>\nVor allem, wenn ein anderer sie austeilte und nicht der stets wohlmeinende Vater. Auch er w\u00e4re ja schlie\u00dflich ein ordentlicher Mensch geworden, betonte er immer wieder. Und wie oft h\u00e4tte er als Kind Schl\u00e4ge bekommen!<br \/>\nUnd was f\u00fcr welche! Oh Mann, oh Mann!<br \/>\nWas musste mein Papa doch in seiner Jugend f\u00fcr ein Ausbund an Bosheit und ein Schrecken der Nachbarschaft gewesen sein! Und nur den Schl\u00e4gen offenbar war es zu verdanken, dass er kein Verbrecher geworden war.<br \/>\nDie Ehrfurcht vor den heilsamen, weihnachtsm\u00e4nnlichen Schl\u00e4gen kroch mir immer schon vorher den R\u00fccken herunter bis hin zu jener Stelle, die dessen Rute immer so gut zu treffen pflegte. Dann aber, wenn der Schlag sa\u00df, fielen mir sofort alle meine S\u00fcnden ein und ich z\u00e4hlte anfangs immer eifrig mit, wie viele S\u00fcnden ich begangen hatte. Der Rutenschwinger wusste es ja sowieso. Also brauchte ich nicht nachzudenken, sondern mir nur die Anzahl der Klapse zu merken.<br \/>\n\u201eSehr praktisch\u201c, schoss es mir durch den Kopf. \u201eDer wei\u00df ja alle \u201aklapsw\u00fcrdigen\u2019 Vergehen.\u201c Ich beschloss, Papa mal zu fragen, ob er in seiner Jugend auch so vorgegangen war. Aber die Fragerei musste warten, weil der ja niemals dabei war, wenn der Weihnachtsmann kam.<br \/>\nNur Mutter, Oma und der komische, oft etwas unheimliche Weihnachts-Rutenschwinger standen zur Bescherungszeit je-des Mal im Zimmer herum. Und genau das mochte ich an dem viel ger\u00fchmten und bewunderten Chef F. J. Kletterke \u00fcber-haupt nicht leiden:<br \/>\nWenn ich darauf wartete, dass der Weihnachtsmann klopfte, hatte der Chef ein st\u00e4ndiges Verlangen nach meinem Vater, so dass er fast immer in die Fabrik musste, wenn die Bescherung begann. Sch\u00f6ne Bescherung!<br \/>\nAlso musste ich Papa immer alles haargenau erz\u00e4hlen, was der \u201eliebe, gute Weihnachtsmann\u201c alles so von sich gegeben und von mir hatte wissen wollen. Besonders auf die S\u00fcnden legte Papa gro\u00dfen Wert.<br \/>\nAlso durchlebte ich meine Schandtaten immer dreimal: einmal beim Begehen der Tat, dann in Form der ersten Beichte beim Weihnachtsmann und schlie\u00dflich noch einmal bei der Bericht-erstattung f\u00fcr meinen arbeitsw\u00fctigen Vater. Das war schon schlimm.<br \/>\nL\u00fcgen hatte auch keinen Sinn. Schlie\u00dflich hatte Vater den Weihnachtsmann immer getroffen, wenn er nach Hause kam, so richtig z\u00fcnftig mit alter Aktentasche und Thermosflasche ausgestattet und mit dicken Arbeitsklamotten bekleidet. Es war ja immerhin Winter.<br \/>\n\u201eAlso hat dieser verr\u00e4terische, schwarze Kerl dem Vater schon wieder alles gepetzt\u201c, dachte ich w\u00fctend und lechzte nach Rache. Aber die musste verschoben werden, bis ich \u00e4lter war. Zwar war ich im Wald gegen die Geister der betrunkenen russischen Soldaten ein Held gewesen, aber dieser Weihnachtsmann hier war kein Geist, sondern sehr echt. Besonders meine l\u00e4dierte Kehrseite konnte ein Lied davon singen, wie real der zuschlagen konnte.<br \/>\nAber diesem allj\u00e4hrliche Ritual der weihnachtlichen Bu\u00dfe folg-te auch immer etwas Gutes: Anschlie\u00dfend an die ganze Strafaktion gab es tolle Geschenke, die immer ganz tief unten in unserem alten Kartoffelsack steckten. Den hatte ich gleich an der roten Naht erkannt. Aber Mutter sagte, der Weihnachts-mann habe ihn sich bei uns ausleihen m\u00fcssen, weil sein eigener sch\u00f6ner Sack kaputt gegangen war.<br \/>\nUnd das Weihnachtsfest des Jahres 1958 war besonders sch\u00f6n: Zuerst kamen die Apfelsinen aus dem Sack, dann ein Rasiermesser f\u00fcr Oma &#8230;<br \/>\nAber halt, da hatte sich der Weihnachtsmann vertan. Das war doch wohl eher f\u00fcr Papa gedacht. Ich hob es in weihnachtsm\u00e4nnlichem Auftrag solange auf, bis er von der \u201eArbeit\u201c heimkam. F\u00fcr Mutter gab es einen Schal. F\u00fcr mich dann wollene Str\u00fcmpfe &#8230;<br \/>\nAber nein! Die waren ja f\u00fcr Oma, denn sie trug immer baum-wollene Makostr\u00fcmpfe. Sie waren auch viel zu lang f\u00fcr achtj\u00e4hrige, kleine Helden. Nachdem noch einige kleinere Geschenke verteilt worden waren, ging der Weihnachtsmann endlich. Und das, obwohl ich mir eigentlich noch viel mehr Geschenke erhofft hatte.<br \/>\nEntt\u00e4uscht wartete ich noch eine Weile und wurde immer trauriger. Doch dann h\u00f6rte ich Papa kommen und \u00f6ffnete ihm die T\u00fcr. Einen kleinen Rest Hoffnung hatte ich ja doch noch. Und genau wie jedes Jahr hatte der Weihnachtsmann auch diesmal drau\u00dfen etwas vergessen und es dem Papa gegeben oder vor die T\u00fcr gestellt, damit es von ihm gefunden wurde.<br \/>\nVoriges Jahr war es ein Plastikflugzeug gewesen, dieses Mal ein gro\u00dfer Karton mit einer f\u00fcr mich unvorstellbar gro\u00dfen Dampfmaschine. Und zwar mit richtiger Dampfpfeife und ei-nem Schleifstein als Zusatzger\u00e4t, damit ich die Messer meiner sp\u00e4teren Rache schleifen konnte.<br \/>\nDiese Dampfmaschine hatte ich mir so sehr gew\u00fcnscht. Aber der Weihnachtsmann hatte sie mir eben nicht gleich gegeben. Stattdessen hatte er mich warten lassen, weil ich eben ab und zu mal ein wenig unartig gewesen war. Strafe musste eben sein und etwas Entt\u00e4uschung und Weinen auch \u2013 zus\u00e4tzlich zu all den bereits erlittenen Rutenhieben. Tja, das war eben noch solide Erziehung durch das Elternhaus!<br \/>\n\u201eDa h\u00e4lt da Junge die Geschenke ooch besser in Ehren\u201c, ver-suchte Oma meinen Eltern diese Geschenk-Verz\u00f6gerungs-taktik zu erkl\u00e4ren. So erfuhr ich ungewollt, dass diese Idee wenigstens nicht von dem Weihnachtsmann, sondern von der Oma stammte. Wahrscheinlich hatte er mit dem Verteilen der vielen Weihnachtsgeschenke soviel zu tun, dass er bei dem p\u00e4dagogisch sinnvollen Einsatz der Rute und all der Geschenke den Rat einer erfahrenen Frau wie meiner Oma brauchte. Ich h\u00e4tte diese Dampfmaschine eigentlich noch gar nicht bekommen sollen. Aber scheinbar hatte sich der Weihnachtsmann durch meine Kriegslist des \u00fcbertriebenen Traurigseins t\u00e4uschen lassen und die Dampfmaschine vor der Wohnungst\u00fcr abgestellt.<br \/>\nWie Papa sagte, hatte er wohl auch geklopft, aber das hatte ich vor Entt\u00e4uschung und den Nachwirkungen der weinachtsm\u00e4nnlichen Schl\u00e4ge auf meine Kehrseite und dem bei uns \u00fcblichen Abspielen der Weihnachtslieder sicher nicht geh\u00f6rt.<br \/>\nWenn\u00a0 nun mein Vater nicht rechtzeitig von der Arbeit ge-kommen w\u00e4re, als der Geschenkkarton da drau\u00dfen stand, h\u00e4tte vielleicht jemand anders meine sch\u00f6ne Dampfmaschine einfach mitgenommen und ich &#8230;<br \/>\nGar nicht auszudenken!<\/p>\n<p>aus: <em>Geschichten eines Harzer Lausbuben (4. Kapitel)<br \/>\n<a href=\"..\/?page_id=52\">Buch bestellen<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber auch gut erzogene und ordentliche kleine Menschen werden gr\u00f6\u00dfer und kritischer und zweifeln oft sogar an Dingen, die sie eigentlich aus Gehorsam und H\u00f6flichkeit nicht anzweifeln sollten. 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